Studienschwerpunkte 2007/2008



Im Wintersemester 2007/2008 werden die folgenden vier Studienschwerpunkte angeboten:

Studienschwerpunkt: Soziale Arbeit mit Menschen in prekären Lebenslagen (Franzen/Klatte)

Folgende Aufgabe ist in Form eines zweisemestrigen Planspiels zu bewältigen:

Als Arbeitsgruppe/Team/Verein ist die psychosoziale Versorgung von Menschen in prekären Lebenslagen zu organisieren.

In einem ersten Schritt werden noch in diesem Sommersemester 07 ein oder auch zwei Versorgungsbereiche von folgenden drei Möglichkeiten ausgewählt:
- Schule
- Psychische Krankheit
- Kinder-, Jugend- und Familienhilfe

Folgende Arbeiten fallen an:
- Erhebung der Lebenswelt/Problemlagen/Umgangsformen der Adressaten (z.B. mittels Literaturanalyse, Interviews, teilnehmende Beobachtung usw.)
- State of art der Hilfen (z.B. Literatur, Experteninterviews, Besuch von Einrichtungen)
- Aufbau von Hilfen in Form einer Konzeptionsentwicklung
- methodischer Ansatz
- fachliches Kompetenzprofil und Ausstattung
- institutionelle Verankerung (corporated identity, Satzungen, Kooperationen usw.)
- Arbeit mit sog. »Fällen« in Bezug auf das erarbeitete Hilfe-Netzwerk




Studienschwerpunkt: «Klinische Sozialarbeit» mit Menschen in gesundheitlichen Problem- und Krisenlagen in der Moderne (Dörr/Franzen)

Ausgehend von einem sozialwissenschaftlich-kritischen Gesundheits- und Krankheitsbegriff mit dem ersichtlich wird, dass Normalität nicht gleich Gesundheit und vice versa bedeuten kann, sollen im Schwerpunkt Zusammenhänge von soziokulturellen Deutungsmustern psychischen Krankseins, institutioneller Umgangsformen und lebensgeschichtlichen Verarbeitungsprozessen von Menschen in Krisen in den Blick genommen werden.

Psychosoziale Krisenereignisse können bei unzureichenden sozialen Bewältigungsbedingungen, mangelhaften institutionellen Strukturen und gestörten bio-psychischen Bewältigungskompetenzen sowohl ein Aufschichtungspotential für eine Verlaufskurve (Fallkurve) im Leben eines Menschen initiieren und/oder zu manifesten Symptomen [z. B. Abhängigkeiten, Krankheit, Armut, Dissozialität] führen. Neben einer kritischen Beleuchtung von Organisations- bzw. Institutionsstrukturen sollen Möglichkeiten einer biographisch orientierten sozialen Arbeit thematisiert werden. Die Tatsache, dass biographisches Erleben einem lebenslangen - allerdings keinesfalls beliebigen - Umdeutungsprozess unterliegt, verweist eine klinische Sozialarbeit angesichts der Sozialpathologien in der Moderne darauf, auch die zentralen Themen biographischer Selbstbeschreibungen von AdressatInnen, die erfahrenen Fremddeutungen und die institutionellen Einflüsse und Prozessierungen von Betroffenen zu rekonstruieren. Im Spannungsfeld von Autonomie und Angewiesenheit hat eine professionelle Praxis sozialer Arbeit sowohl an die Risikofaktoren als auch an die Ressourcen von Menschen anzuknüpfen, um Potentiale zum selbst bestimmten Handeln der Betroffenen zu eröffnen.




Studienschwerpunkt: Bildung - Sprache - Herkunft- Integration - Migration. Rekonstruktion von Bildungs- und Marginalisierungsprozessen in Kindergärten und Grundschulen (Franzen/Haupert)

Allgemeine Vorbemerkungen zur theoretischen Ausrichtung des Studienschwerpunkts

»Niemand hat je bezweifelt, daß es um die Wahrheit in der Politik schlecht bestellt ist, niemand hat je die Wahrhaftigkeit zu den politischen Tugenden gerechnet. Lügen scheint zum Handwerk nicht nur des Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar des Staatsmannes zu gehören.« (Hannah Arendt)

Sozial-, Gesundheits-, Renten-, Bildungs- und Steuerreform: Von Reformen und Reformideen werden die Bürger der BRD wahrlich nicht verschont. Dabei handelt es sich bei diesen Reformvorschlägen nicht um Reformen im klassischen Sinne, sondern streng genommen um eine "postmoderne Gegenreformation", die im Gewande der "Reformation" daher kommt.
Die so genannten Reformdebatten und -vorschläge - eingebracht u.a. vom Bundespräsidenten a. D. Herzog, vom Ex-VW-Manager Hartz und vom Bundesrichter Kirchhoff - zeigen alle eine Schlagseite zugunsten der Begünstigung der mittleren und insbesondere der oberen Bevölkerungsklassen. Die Idee der (steuerlichen) Verteilungsgerechtigkeit ist obsolet geworden.
Verstärkt wird der Abbau der Sozial- und Sicherungssysteme betrieben, wovon insbesondere die unteren Gruppen der Gesellschaft betroffen sind und insbesondere die Kapitaleigner profitieren. Die Vorstellung "Sozialer Gerechtigkeit" - eine Vorstellung, deren Ursprung ins 18. Jahrhundert zurückreicht und die das Fundament der westlichen Demokratien bildet - wird ersetzt durch den "Mythos der Leistungseliten" und den "Mythos der Leistungsgesellschaft".
"Es ist offensichtlich der Oberklasse gelungen, die Angriffe auf ihre wirtschaftlichen Interessen recht erfolgreich abzuwehren und sich in unserem Jahrhundert in dem Sinn als herrschende Klasse zu behaupten, daß sie die Macht besitzt, ihre Interessen zu verteidigen" schreibt Bottomore bereits im Jahre 1966.
Im Studienschwerpunkt soll im WS zunächst diesen Zusammenhängen nachgegangen werden, indem Texte und Zeitungsausschnitte kritisch gelesen werden und ökonomische und sozialpolitische Zusammenhänge beleuchtet werden. Gesamtgesellschaftliche Wirkungszusammenhänge werden im sozialen Raum - etwa in Form von Segregation und Desintegration - sichtbar und müssen dementsprechend auch dort bearbeitet werden.
Sozialer und räumlicher Wandel sind somit eng miteinander verbunden, d.h. daß mit soziokulturellen und sozioökonomischen Wandlungsprozessen räumliche Veränderungen einhergehen, welche sich z.B. auf die Funktion von Räumen, die soziodemographische Struktur, auf das Verhältnis von Raum und Milieu und die Lebenschancen der dortigen Bevölkerung auswirken.

Segregations- und Desintegrationsprozesse sind häufig mit Prozessen zunehmender Anomie verbunden, da die bisherigen Milieu- Klassen- und Quartiersbindungen bzw. Zugehörigkeiten zunehmend obsolet werden. Dort wo auf Grund von Strukturen sozialer Benachteiligung die Strukturiertheit des Sozialen und die autonome Reproduktion in zentralen Bereichen (Arbeit, Bildung, Freizeit, Wohnung) gefährdet ist wird Steuerung (z.B. durch Sozialarbeit) erforderlich; soll die soziale Funktion des Gemeinwesens erhalten bleiben.

Aktuell nähert sich die BRD tendenziell der gesellschaftlichen Situation segregierter Gesellschaften (z.B. USA, Mexiko, Brasilien), die über keinen geteilten Wertekanon verfügen.

Dies mündet in:
1. Marginalisierungsprozessen,
2. dem Verlust geteilter Weltdeutungen,
3. einer nicht lösbar erscheinenden Integrationsproblematik und
4. in interkulturellen Konflikten.

Dem Menschen allerdings und noch mehr dem heranwachsenden Kinde, bleibt es auch im Zeitalter der sog. Informations- und Wissensgesellschaft nicht erspart, über Bedeutungen und Bedeutungsalternativen nachzudenken, statt sie im Internet "herunterzuladen" und letztlich in einem unendlichen Reigen zu wiederholen. Das Internet und vorgefertigte Meinungen können Vorstellungskraft und Kreativität nicht ersetzten, sondern zerstören vielmehr letztere. Zudem belegen mittlerweile neuere empirische Studien, dass die Beschäftigung mit Videospielen mitnichten eine nützliche Sache ist und "Kindern keineswegs hilft, mit aufgestauten Aggressionen fertig zu werden. Wir können zudem empirisch feststellen, dass strukturiertes und intentionales Lernen abnimmt und dass zugleich "Medienlernen" in extremer Weise zugenommen hat. Da Lernen immer stattfindet (intendiert und nicht intendiert!) wird der strukturierte und strukturierende Einfluss auf die Lernumgebung immer bedeutsamer. Da heute die kulturelle und pädagogische Übereinstimmung von Schule und Elternhaus weitgehend als nicht mehr gegeben vorausgesetzt werden kann, muss insbesondere auch auf die Grundschule vorbereitet werden, um die (krisenhafte) Übergangssituation vom Kindergarten in die Schule zu "normalisieren". Dies können Kindergärten, die ihren Bildungsauftrag in einem demokratischen Gemeinwesen erfüllen, leisten. Dabei gewinnt die sozialpädagogische Dimension von Kindertageseinrichtungen an Bedeutung im Alltag der pädagogischen Arbeit.

Die konstatierten Schieflagen im Bildungssystem (z.B. Ausgrenzungen bestimmter sozialer Gruppen, Ignorierung der Kulturproblematik, Gewaltthematik) bedürfen der politischen Anstrengung, um die Zukunft des Gemeinwesens zu sichern. Tiefgreifende gesellschaftliche Transformationsprozesse haben die "Selbst-Bildungsorte" der Kinder systematisch reduziert und multimedial transformiert. Von daher gewinnt die systematische pädagogische und sozialpädagogische Arbeit immer mehr Gewicht in frühkindlichen Bildungsprozessen. Frühkindliche Bildung verlangt von daher vermehrt solche gesellschaftlichen und/oder gemeinschaftlichen "Maßnahmen", die grundsätzlich "Selbst-Bildung" für alle Kinder (unabhängig von sozialer und kultureller Herkunft etc.) ermöglicht. Das meint letztlich die Konzeption der sozialpädagogischen Dimension frühkindlicher Bildung. Da wir mittlerweile hinreichend sicher wissen, dass die Qualität des späteren Schulbesuchs, aber auch gelungene soziale Integration, maßgeblich auf den Besuch eines Kindergartens zurückzuführen ist, hat Bildungspolitik im Kindergartenalter anzusetzen, um Chancengerechtigkeit im frühen Kindesalter zu ermöglichen. Die neue Betonung der Rolle des Bildungsprozesse in Kindertageseinrichtungen und die Forderung einer engeren Zusammenarbeit mit der Schule wirft kritische Fragen zu der Beziehung zwischen frühkindlichen Bildungseinrichtungen und der Pflichtschule auf. Frühe Kindheit wird somit nicht als Vorbereitung auf die nächste Bildungsstufe verstanden, sondern als ein eigenständiger Lebensabschnitt dessen Bildungsbelange zu gestalten sind. Dabei muss die Zusammenarbeit mit der Grundschule den besonderen Charakter frühkindlicher Praxis bewahren und die Kinderschule darf ihren sozialpädagogischen Charakter nicht aufgeben.

Auch ist die "Annahme, die Kinder des elektronischen Zeitalters würden die Regeln des zivilen Zusammenlebens per Mausklick lernen" absurd, denn die Annahme, dass das gespeicherte Wissen (Computer) das angeeignete Wissen (Lernen) ersetzen kann, unterliegt einem bildungspolitisch und entwicklungspsychologisch gefährlichen Trugschluss, da die Sprachentwicklung eines Kindes unmittelbar mit der "Entwicklung der Wahrnehmung, der Motorik, des Denkens und des sozial-emotionalen Erlebnisbereiches verbunden ist." Zur Arbeitsweise im Studienschwerpunkt Im Laufe des Schwerpunktes werden in Kleingruppen (max. drei Personen) sukzessiv empirische Projekte so entwickelt, daß jeder Teilnehmer einen unabhängigen Zugang zu einer empirischen Fallstudie findet und vollendet, die mit den theoretischen Grundlagen des Schwerpunktes kor-respondiert. Diese werden - in der gemeinsamen Lektüre von klassischen Texten - angeeignet und je in einer spezifischen Weise in einen schwerpunktbegleitenden Bericht, der ein Einzelbe-richt ist, integriert, der zum Abschluß des Schwerpunktes die Grundlage für die mündliche Prü-fung bildet.

Von jedem Teilnehmer und jeder Teilnehmerin wird während des Studienschwerpunktjahres ein eigenständiger Beitrag in Form eines Referates zu einem theoretischen Schwerpunktthema erwartet.




Studienschwerpunkt: Adressaten der Kinder- und Jugendhilfe (Franzen/Kraimer)

Junge Menschen und deren Familien, die in das staatlich gesicherte Hilfesystem der Kinder- und Jugendhilfe gelangen, bedürfen der Hilfen zur Erziehung. Der Studienschwerpunkt ist darauf ausgerichtet, diese ›Hilferufe‹ real mit Blick auf die Lebenswelt und inspiriert von der Idee des autonomiefähigen Subjekts zu beantworten und sachhaltig zu konzipieren.

In scharfer Abgrenzung zu den Verengungen, Reduktionen und Einseitigkeiten gängiger, sozialwissenschaftlich oder ideologisch verbrämter Lesarten des Defizitären, verkappten oder offenen Wünschen nach Anpassung und Zurichtung des sich entwickelnden Subjekts allein für gesellschaftliche Zwecke zielen die Hilfen auf die mögliche Mündigkeit des Menschen in der Spannung zwischen Schutzbedürftigkeit und Freiheit. In den relationalen Kategorien menschlichen Lebens und politischen Handelns ist im Schwerpunkt zunächst die Auseinandersetzung mit Anthropologie und Demokratietheorie zentral. Dabei ist die Philosophie des Anfangs mit dem Begriff der Natalität und der Möglichkeit zu einem Neuanfang einer der Orientierungspunkte für die Ausbildung eines professionellen Habitus, der durch einen empirisch gesättigten, strukturellen Optimismus charakterisiert ist. Dies steht dem allgegenwärtigen ›Jargon der Weinerlichkeit‹, des Beklagens vermeintlich nur verderblicher Wirkungen der Zivilisation und einem fragwürdigen (Defizit-) Modell von Pädagogik gegenüber. In seiner Gesamtheit bedeutet dieses undifferenzierte Deutungskonglomerat der Erwachsenen für junge Menschen die Verhinderung eines Selbstbildes der Einzigartigkeit in der Einheit mit einem selbstbestimmten Leben. Pädagogisch inspirierte reale Modelle als Lesarten des Opitonalen stehen dem entgegen. Der sich entwickelnde Mensch ist in dieser Sicht der strukturgenetischen Sozialisationstheorie kein soziologischer ›Reaktionsdepp‹, kein psychologisch deformierter ›Kranker‹ und kein ›Abweichler‹ oder ›Störer‹, der nicht den Standards einer vermeintlichen main-stream-Kultur entspricht, sondern ein prinzipiell autonomes Subjekt.

Im Studienschwerpunkt wird methodisch kontrolliert mit Hilfe des Projektkonzepts in der Methodologie der Fallrekonstruktion gearbeitet, das dazu auffordert, selber zu denken, um sich zu bilden und für die Aufgaben der Profession in der Auseinandersetzung mit der Theorie zu qualifizieren. Ein empirisch begründeter, biographisch orientierter und pädagogisch inspirierter Zugang zur Qualifizierung für Tätigkeiten in den Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit wird auf diese Weise eröffnet.

Literatur

Brumlik, M. (2004): Demokratie/demokratische Erziehung. In: Benner, D./Oelkers, J. (Hg.): Historisches Wörterbuch der Pädagogik, Weinheim und München, S. 232-243.

Kraimer, K. In: Blätter der Wohlfahrtspflege, Deutsche Zeitschrift für Sozialarbeit
- (2004) Von Fall zu Fall - die Methode der Fallrekonstruktion in der Sozialen Arbeit., Jg. 151, H. 2, 2004, S. 50-52.
- (2005) Schule und Jugendhilfe. Zwei Sozialisationsagenturen müssen zueinander finden. Jg., 152, H. 2, S. 51-53.
- (2006): Durch Projekte lernen. Ein Modell für wünschenswerte Lösungen, Jg. 153, H. 2, S. 61-63.

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