Katholische Soziallehre und Perspektiven
für die Sozialpolitik




Der neu gegründete Verein der Freunde und Förderer der Katholischen Hochschule für Soziale Arbeit Saarbrücken lud am 14.Juni 2004 ein zum 1. Saarbrücker Sozialgespräch mit Dr. Norbert Blüm.

Anläßlich des neuen 'Impulstextes' der deutschen Bischöfe "Das Soziale neu denken" referierte der ehemalige Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung über die Katholische Soziallehre und deren Perspektiven für die Sozialpolitik.



Sozialstaat auf Geisterfahrt

Norbert Blüm watscht in Saarbrücken Politik und Kirche ab

Dr. Norbert Blüm

Der frühere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm war am Montag zu Gast in der Katholischen Hochschule für soziale Arbeit. Er hielt dort eine kämpferische Rede für den Erhalt des Sozialstaats.


Saarbrücken. Markige Worte fielen und ein düsteres Bild dieser Gesellschaft stand am Ende des ersten Sozialgesprächs in der Katholischen Hochschule für Soziale Arbeit am Rastpfuhl. Norbert Blüm war am Montag angereist und nahm die Einladung des Vereins der Freunde und Förderer der Institution zum Anlass, Politik und Kirche richtig abzuwatschen.

In seinem Vortrag mit dem Titel "Katholische Soziallehre und Perspektiven für die Sozialpolitik" nannte der frühere Bundesarbeitsminister die Baustellen des 21. Jahrhunderts beim Namen. Und es wäre nicht der fröhliche Rheinländer Blüm, wenn da nicht auch einige Lacher hängen bleiben.

Eigentlich sollte die Veranstaltung ein engagierter Auftakt für die künftige Arbeit des neu gegründeten Fördervereins werden. Die Sparvorhaben des Bistums und die drohende Schließung der Hochschule verdüstern nun die Perspektiven für den Verein. Es sei nicht der erste und letzte Kampf, den die Hochschule mit ihren derzeit 270 Studierenden zu bestreiten habe, und auch dieser würde gewonnen werden, stimmte der erste Vorsitzende, Werner Schreiber, die knapp 200 Zuhörer ein.

Ähnlich kämpferisch trat Norbert Blüm auf. Wenn die Kirche soziale Leistungen als "komfortable Normalität" bezeichne, dann frage man doch mal einen arbeitslosen 50-Jährigen, der Arbeitslosenhilfe bezieht und 200 erfolglose Bewerbungen geschrieben hat, ob er seine Lage mit dieser Formulierung richtig umschrieben sieht. Die demographische Debatte hält Blüm für Augenwischerei.

Entscheidend sei der Faktor Arbeit. Denn selbst wenn jetzt plötzlich ganz viele Kinder geboren würden, die dann ebenfalls keine Arbeit finden, würde sich nichts daran ändern, dass Beiträge zu den sozialen Systemen fehlten. Die Kopfpauschale in der Krankenversicherung, ein Vorschlag seiner Partei, sei "Geisterfahrerei der Solidarität". Und wenn deutsche Firmen nur noch in Ländern mit Lohndumping produzierten, dann müsse man sich fragen, wie viel Kapital ein Arbeitssuchender hier denn zukünftig mitbringen soll, um einen Job zu bekommen.

Norbert Blüms Grundeinstellung: Der Sozialstaat gehört zum bundesrepublikanischen Selbstverständnis, gewachsen auf der Überzeugung, dass der Markt eben nicht alles regelt. Keine Frage, dass der Sozialstaat sich neuen Herausforderungen zu stellen habe, aber er gehöre nicht abgeschafft. Vor allem nicht um den Preis, dass elementare Werte dabei auf der Strecke bleiben. (wt)

Saarbrücker Zeitung, 16.06.2004

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