Forschung gehört zu den Aufgaben einer Hochschule bzw. genauer: zu den Aufgaben der Professorinnen und Professoren. In der Grundordnung der Katholischen Hochschule heißt es dementsprechend: "Sie führt Forschungs- und Entwicklungsvorhaben durch, die zur wissenschaftlichen Grundlegung und Weiterentwicklung von Lehre und Studium sowie für die Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Methoden in die Praxis erforderlich sind (angewandte Forschung)" (§ 4, Abs. 1). In der hochschulpolitischen Diskussion hat sich die Unterscheidung zwischen einer zweckfreien, nur auf Erkenntnisgewinn abzielende Grundlagenforschung und einer angewandten Forschung eingebürgert, die Erkenntnisse auf die Lösung konkreter, meist praktischer Problemstellungen überträgt. Die Grundlagenforschung wird den Universitäten, die angewandte Forschung den Fachhochschulen zugeordnet.
Diese Unterscheidung und Arbeitsteilung ist aus verschiedenen Gründen problematisch. Zum einen ist eine trennscharfe Abgrenzung aus Gründen den Forschungsfreiheit nur schwer möglich; zum anderen verkennt sie den Zusammenhang zwischen Grundlagen- und angewandter Forschung. In den Sozialwissenschaften hat sich weitgehend die Erkenntnis durchgesetzt, dass über Forschung gewonnenes Regelwissen zwar in der Praxis genutzt werden kann, dass aber eine quasi technologische Anwendung (Umsetzung) in Lebenspraxen, professionelle und institutionelle Praxen aus Gründen der dort jeweils vorfindbaren, unterschiedlichen Struktur- und Handlungslogiken nicht möglich, und in gewisser Weise auch nicht wünschbar ist (zu der einschlägigen Debatte vgl. etwa Beck u. Bonß 1989).
Der frühere Rektor der Katholischen Hochschule und spätere Leiter der Abteilung Schule/Hochschule des Bistums, Prof. Alfons Bechtel, hat bereits im Jahre 1983 der Kritik an dieser Unterscheidung und Arbeitsteilung angeschlossen und sie als nicht befriedigend bezeichnet: "Grundlagenforschung und anwendungsbezogene Forschung - eine unangemessene Unterscheidung" (Bechtel 1983).
Produktiv erscheint eine Unterscheidung in eine eher grundlagenorientierte Forschung, in der die Gegenstände, die Fragestellungen und Methoden unabhängig von möglichen Verwendungszusammenhängen von den Forscherinnen und Forschern bestimmt werden, und in einen Forschungstyp (Begleitforschung, Evaluationsforschung, Praxisforschung; vgl. Müller 1978, Heiner 1988, Moser 1996), im Rahmen dessen im Auftrag von Einrichtungen professionelle und/oder institutionelle Praxen oder Modellvorhaben wissenschaftlich begleitet und untersucht werden. Unter Umständen werden von den Forscherinnen und Forschern über die Präsentation von Untersuchungsergebnissen hinaus Beratungsleistungen erwartet.
In den Sozialwissenschaften, und dazu gehört die Soziale Arbeit, sind beide Typen von Forschung auffindbar, und sie haben beide eine Berechtigung. Beide Forschungstypen lassen sich hinsichtlich ihres Erkenntnisgewinns, insbesondere für die Weiterentwicklung des Fachs, und hinsichtlich ihres Nutzens für praktisch Handelnde unterscheiden. Prinzipiell kann jedoch angenommen werden - oder vorsichtiger formuliert: ist es nicht auszuschließen, - dass eher grundlagenorientierte Forschung praktische Relevanz erhält, ebenso wie - unter bestimmten Bedingungen - aus Begleitforschungsprojekten Erkenntnisse erwachsen können, die auch die grundlagenorientierte Forschung voranbringen. Dabei ist im Auge zu behalten, dass Wissenschaft - nimmt sie ihren gesellschaftlichen Auftrag ernst - gegenüber der Praxis auch eine kritische Funktion hat, die dem Anspruch einer praxisdienlichen Forschung - im Sinne einer unmittelbaren Verwendbarkeit ihrer Erkenntnisse - Grenzen setzt. Wenn dieser Zusammenhang nicht wahrgenommen wird, sind Enttäuschungen, gleich auf welcher Seite, unvermeidlich.
Für die Soziale Arbeit stellt Forschung eine besondere Herausforderung dar. Solange sie nur als Beruf (Profession) verstanden wurde, der (die) seine (ihre) Grundlagen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen bezieht, erschien eine eigenständige Grundlagenforschung nicht erforderlich. Nicht ohne Grund dominiert in der Sozialen Arbeit, insbesondere an den Fachhochschulen, der Typus der Begleit- und Evaluationsforschung. Mit dem Anspruch einer eigenständigen - wenn auch durch andere Sozialwissenschaften "unterfütterten" - disziplinären Identität, wächst der Bedarf an Grundlagenforschung. Die Professionalisierung Sozialer Arbeit verlangt eine disziplinäre Verankerung; deren (Weiter-) Entwicklung ist wiederum ohne eine arteigene systematische Grundlagenforschung nicht denkbar (vgl. Kraimer 1994, Haupert 1995). Mit der Begründung einer eigenständigen disziplinären Identität - die freilich kontrovers diskutiert wird - ist allerdings nicht der Abkopplung von anderen Sozialwissenschaften das Wort geredet, sondern es wird eine notwendige Gegenstandsabgrenzung vorgenommen, die nicht zuletzt für die Professionsentwicklung unerlässlich ist.
Forschung hat an der Katholischen Hochschule eine lange Tradition, was unter anderem darin zum Ausdruck kommt, dass von Hochschullehrerinnen und Hochschullehrern Ende der siebziger Jahre eines der ersten Forschungsinstitute an einer Fachhochschule gegründet wurde (INES). Allerdings hatte dieses Institut nicht lange Bestand.
In einer ersten Phase, die etwa den Zeitraum von 1979 bis Mitte der achtziger Jahre umfasst, wurde Forschung als Sozialberichterstattung und Sozialplanung einerseits, und als Begleitforschung für Reformprojekte andererseits konzeptualisiert.
Unter der Leitung von Frau Professor Lewkowicz wurden im Auftrag der Staatskanzlei der Saarländisches Landesregierung in der Zeit von 1979 bis 1983 mehrere empirische Untersuchungen zur sozialen Infrastruktur, und speziell zur Jugend-, Alten- und Behindertenhilfe, durchgeführt. Zunächst wurde - quasi als Vorarbeit für einen Sozialatlas des Saarlands und eines Landessozialplans - in drei Saarbrücker Stadtteilen eine Sozial- und Infrastrukturanalyse erstellt, die auch spezielle Analysen zu Jugendarbeitslosigkeit sowie Kinder- und Jugenddelinquenz enthielt (Sozialatlas ´79). Der gewählte Untersuchungsansatz sollte es ermöglichen, "im Interesse der Betroffenen (1.) theoretisch begründete, (2) empirische abgesicherte, und (3.) praktisch realisierbare Konsequenzen ableiten zu können (Lewkowicz 1979, Vorbemerkung). Dieser Vorstudie folgte eine größere Untersuchung der Sozialen Infrastrukturversorgung im Saarland (1980 vgl. Lewkowicz 1980) und ein Planungsprojekt (Jugendhilfeplan Merzig, 1983; vgl. Lewkowicz u. Scholl 1983). An der Untersuchung waren - neben dem eigens hierfür eingestellten Personal (Drittmittel) mehrere Kolleginnen und Kollegen der Hochschule beteiligt, so dass von einer Art Gemeinschaftswerk gesprochen werden kann.
Aus den Projekten gingen eine Reihe von Arbeitshilfen für die professionelle Praxis hervor, so etwa ein "Sozial-Kompass" für die Landeshauptstadt Saarbrücken (Lewkowicz u. Asam 1985). Die im Kontext dieser Projekte entstandenen Arbeiten zur theoretischen Grundlegung von Sozialplanung sind in mehreren Beiträgen in der Fachliteratur dokumentiert (vgl. Lewkowicz u. Spiegelberg 1984; Lewkowicz 1985). Im Ländervergleich zeigt sich, dass die Katholische Hochschule mit zu den Vorreitern in der Konzeptualisierung von Sozialberichterstattung und Sozialplanung gehörte und innovative Effekte in der Region erzeugte. Ehemalige Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter haben Planungseinheiten aufgebaut und sind heute Leiter von Planungsabteilungen oder betreiben Praxisforschungsinstitute, die sich auf Sozialplanung spezialisiert haben.
Mittlerweile haben einige Städte bzw. im Saarland (insbesondere Saarbrücken und Saarlouis) eigene Stabsstellen bzw. Abteilungen, die Sozialberichterstattung und Sozialplanung (incl. Jugendhilfeplanung) eigenständig betreiben, so dass diesbezügliche Anfragen nur noch eingeschränkt an die Hochschule gerichtet werden. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang etwa das Projekt "Soziale Dienstleistungen und Initiativen im Raum Völklingen", das im Zeitraum 1995-1996 durchgeführt und von Professor Filsinger fachlich begleitet wurde (vgl. Diakonisches Werk an der Saar u. Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt 1996).
In einem weiteren größeren (Praxis-) Forschungsprojekt (1981-1982), das unter Leitung der Professorinnen Lewkowicz und Schoeler mit Förderung durch das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit durchgeführt wurde, untersuchten die Autorinnen "Bedingungsfaktoren der Selbsthilfefähigkeit Behinderter". Mit Hilfe von Befragungen (Kurzbefragung und Intensivinterview) sollten Erkenntnisse über bestehende Selbsthilfegruppen gewonnen, die dann für den modellhaften Aufbau von Selbsthilfegruppen genutzt werden sollten. Die aus der Modellpraxis gewonnenen Erkenntnisse sollten dann in einen Leitfaden zum praktischen Aufbau von Behindertenselbsthilfegruppen einfließen. Methodologisch kann der Forschungsansatz der Aktionsforschung zugerechnet werden, der in einer bestimmten Variante die Verknüpfung von Forschung und Entwicklung vorsieht. Dies gilt auch für die nachfolgenden Projekte.
In den folgenden Jahren wurden eine Reihe von Projekten unter Leitung von Professor Klatte wissenschaftlich begleitet. So etwa das Projekt "Sozialpädagogische Beratung in der Schule", zu dem ein ausführliches Gutachten erstellt wurde, sowie das Fortbildungsprogramm "Strukturelle Familientherapie". In beiden Fällen handelte es sich um Eigenprojekte, die in Zusammenarbeit mit der Aktionsgemeinschaft Drogenberatung e.V. und dem saarländischen Kultusministerium bzw. mit der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt durchgeführt wurden.
Darüber hinaus waren Kolleginnen und Kollegen an einer Vielzahl von (kleineren) Entwicklungsprojekten beteiligt. Zu nennen sind hier die Entwicklung von Videobeiträgen zu einer erlebnisorientierten Spielpädagogik, Projekte zur Spielplatz- und Schulhofgestaltung (Professor Huberich), zur Gemeinwesenarbeit (Professor Lewkowicz, Professor Feth) oder zum Thema "Computer in der Sozialen Arbeit" (Professor Feth). Charakteristisch für diese Projekte ist, dass sie in enger Kooperation mit Praxiseinrichtungen durchgeführt wurden und mit umfangreichen Fortbildungsaktivitäten verbunden waren.
Seit Anfang der neunziger Jahre gewinnen Forschungsaktivitäten an Bedeutung, die sich in grundlagentheoretischer Absicht mit Fragen einer Professionstheorie Sozialer Arbeit und den methodologischen und methodischen Grundlagen einer Sozialarbeitsforschung befassen. Diese Forschungsaktivitäten sind an der Katholischen Hochschule für Soziale Arbeit in Saarbrücken insbesondere mit den Professoren Haupert und Kraimer verbunden. Professor Feth arbeitet ebenfalls an den Grundlagen der Professionalisierung Sozialer Arbeit, wobei sein Interesse in erster Linie der Sozialen Arbeit als curricularer Leitdisziplin gilt (vgl. Feth i.d. Band).
Zentrales Anliegen der Forschungsaktivitäten von Haupert und Kraimer ist es, Grundlagen für die sich entwickelnde Wissenschaft der Sozialen Arbeit - und damit auch für die Professionalisierung Sozialer Arbeit zu erarbeiten, wenngleich Disziplin und Profession prinzipiell unterschieden werden (vgl. Haupert u. Kraimer 1991).
Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Haupert zur Gegenstandsbestimmung Sozialer Arbeit als Wissenschaft und Profession (vgl. Haupert 1995). Eine solche Gegenstandsbestimmung wird als eine zentrale Voraussetzung der Begründung von Disziplinarität, und damit für die Professionalisierung Sozialer Arbeit erachtet. Es bedarf - so Haupert - eines eigenständigen Zugangs zum Sozialen, zur Sozialität. Im Mittelpunkt stehen damit Fragen der Teilhabe am Sozialen bzw. Verweigerung der Teilhabe; die Praxis gelingenden und scheiternden Lebens. Soziale Arbeit befasst sich dann mit verloren gegangenem oder bedrohtem Sozialen. Bei der Wiederherstellung des Sozialen handelt es sich im Kern um die Rekonstituierung von Identität als individueller Ausprägung des Sozialen und von Sozialität als deren objektiver Ausprägung (Haupert).
Zusammen mit Kraimer hat er - im Anschluss an Oevermann - das sog. "lebensweltliche Modell der Professionalisierung" - als Alternative zu expertokratischen Modellen - konkreter ausgearbeitet (vgl. Kraimer 1994, Haupert 1995). Soziale Arbeit wird als fallbezogene Profession konzeptualisiert. Der Fall ist stets gedacht als Einzelfall und als sozialtypischer Fall. Es bedarf folglich einer sozialarbeiterischen Grundlagentheorie mit Fall- und Feldorientierung.
Professionalität kann bestimmt werden als Einheit von Theorie- und Handlungswissen. Theorie und professionelle Praxis zueinander im Widerspruch, sind aber miteinander zu vermitteln und konstituieren den professionellen Handlungstyp. Diese Überlegungen an Oevermann an, der die Strukturlogik professionellen Handelns als die widersprüchliche Einheit von hermeneutischem Fallverstehen und wissenschaftlichem Regelwissen bestimmt hat. Die Handlungslogik professioneller Tätigkeiten ist dementsprechend in der stellvertretenden Deutung und im typologisches Fallverstehen zu sehen. "Insgesamt kann gesagt werden, dass das Theorieverstehen im Sinne der Anwendung der theoretisch-wis-senschaftlichen Grundlagen und der Reflexion des Allgemeinen ergänzt wird durch das Fallverstehen = Kompetenz, das Besondere (Individuelle) des Einzelfalls zu bearbeiten" (Haupert 1995).
Die professionheoretischen Arbeiten können nicht losgelöst gesehen werden von jenen zur Sozialarbeitsforschung. Haupert und Kraimer konzeptualisieren Sozialarbeitsforschung als rekonstruktive Forschung (vgl. Haupert 1994, Kraimer 1994). Als Begründung führen sie an, dass professionelles Handeln im Kern als eine "Kunst" (-lehre) zu betrachten ist, deren Praxis nur unbestimmten, vorgegebenen Regeln folge. Da für die professionelle Praxis der Fallbezug konstitutiv ist, sei ein rekonstruktives Vorgehen erforderlich. Soziale Arbeit als Wissenschaft müsse dabei dem Umstand methodologisch Rechnung tragen, dass die professionelle Praxis kommunikativ und interaktiv verfasst sei; deshalb komme (Einzel-) Fallstudien eine besondere Bedeutung zu.
Soziale Arbeit als theoretische, empirisch forschenden Disziplin hat sich - so die Autoren - mit der Lebenspraxis der Klienten und der professionellen Praxis zu befassen und entsprechende theoretische Antworten zu geben und zur Entwicklung und Entfaltung einer Theorie Sozialer Arbeit beizutragen. Dabei hat sie den lebenspraktischen Handlungskontext der Klienten (und den der Professionellen) bei der Theoriebildung in den Vordergrund zu stellen. Qualitativen Verfahren wird ein Vorrang gegenüber quantitativen Methoden eingeräumt (kommunikativ-qualitative Variante der Sozialforschung), wobei der Erhebung subjektiver Sichtweisen ein zentraler Stellenwert zukommt (vgl. Kraimer 1991). Als besonders produktiv werden u.a. Ansätze der Biographietheorie und der Lebensweltanalyse eingeschätzt.
Das Programm der Sozialarbeitsforschung ist im Kern als komplexe Lebensweltanalye verstanden werden. Die Sozialarbeitsforschung dient somit (1) der grundlagentheoretischen Weiterentwicklung der Disziplin, (2) der Ausdifferenzierung des Professionalisierungsprozesses und der Qualifizierung der Lehre/Ausbildung, im Rahmen derer eine theoretische Praxiskompetenz (Reflexion-, Erkundungs- und Interpretationskompetenz: Erkundungs- und Erklärungshandeln) vermittelt werden soll.
Die Funktionen der Wissenschaft gegenüber der Praxis werden insbesondere in der (1) Erarbeitung von Leitlinien zur Reflexion und Beurteilung von Praxis, (2) in einem gedankenexperimentellen Beitrag zur Entdeckung und Erprobung neuer Formen der Praxis und (3) in der Bereitstellung professionellen Handlungswissens gesehen.
Fallrekonstruktive Forschung wird damit nicht nur als Beitrag zur Theorie- und damit zu Disziplinentwicklung betrachtet, sondern auch als Grundlage zur Professionalisierung Sozialer Arbeit. Mit der Fallrekonstruktionsmethode wird ein "Verfahren" eingeführt, das Forschung und professionelle Praxis - wenn auch hier im abgekürzten Verfahren - gleichermaßen anleiten kann. Für das Studium - als primären Ort der Ausformung eines professionellen Habitus bedeutet dies, dass Studierende in die Lage versetzt werden müssen, eigenständig Daten zu erheben und interpretieren zu lernen (z.B. im Rahmen von Exploration, Fallbesprechungsseminaren), um in der nachfolgenden Praxis rekonstruktiv tätig werden zu können. Durch die Einübung qualitativer Verfahren der Sozialforschung (z.B. narrative Interviews) sollen spezifische Fertigkeiten angeeignet werden, die zur Ausformung von Professionskompetenz unerlässlich sind. Erwartet werden hierdurch insbesondere eine - Steigerung der Wahrnehmungs-, Unterscheidungs-, Deutungs- und Analysekompetenz sowie der handlungsbezogenen professionellen Urteilungskraft - Entwicklung von Kompetenzen zur situativen Klärung von kleinräumigen Prozessen, - zur Erkundung, Erklärung und Abwägung sozialer Prozesse und ihrer möglichen Behandlungsalternative sowie nicht zuletzt die Entwicklung klinischer Kompetenzen, als kommunikativer Verfahrenstechniken in Beratung, Diagnose und Therapie. In der Verzahnung von empirischer Forschung, Theoriekonstruktion und professionellem Handeln liegt - so Haupert und Kraimer - die Stärke von Sozialer Arbeit als Wissenschaft und als professionelle Praxis.
In neueren Projekten arbeitet Haupert "Die Fallrekonstruktionsmethode als Basis für Professionalität der Sozialen Arbeit" weiter aus. Über die Bestimmung von "Narrativität als Rekonstruktion des Sozialen" sucht er die professionstheoretische Grundlegung einer Theorie Sozialer Arbeit voranzutreiben.
Einen Schwerpunkt bilden die biographie- bzw. lebensweltanalytischen Arbeiten der Professoren Haupert und Kraimer, in denen sie versuchen, die Rekonstruktion von Biographien zu verknüpfen mit Lebenswelt- bzw. Milieuanalysen (fallrekonstruktive Forschung). Zu nennen sind hier Studien über arbeitslose Jugendliche, Obdachlosigkeit, Hooligans (vgl. Haupert u. Kraimer 1991, Haupert u. Kraimer 1992, Haupert 1996). Charakteristisch für diese Studien ist, dass sie die "Sicht der Subjekte" zu erfassen suchen und über die Rekonstruktion von Einzelfällen und über einen Fallvergleich zu einer Typenbildung gelangen (Haupert 1991).
Einen zweiten Schwerpunkt der Kollegen bildet die rekonstruktive Analyse professioneller Praxis. Exemplarisch sind hier Studien zur Jugendgerichtshilfe und Ausländersozialarbeit zu nennen (vgl. Kraimer 1990). In der Tradition dieses Schwerpunkt ist auch ein neueres Forschungs-vorhaben einzuordnen, das sich mit "Struktur und Professionalisierungsgrad supervisorischer Intervention" befasst.
Frau Professorin Dörr hat in mehreren Studien in psychoanalytischer Perspektive professionelle sozialpädagogische Praxen in "totalen Institutionen" (u.a. Kinder- und Jugendpsychiatrie, Strafvollzug) untersucht. (vgl. Dörr 1992, 1993, 1994). Während Haupert und Kraimer - in der Tradition der objektiven Hermeneutik - die "Struktur des Falls" zu rekonstruieren suchen, steht für Dörr das Zusammenspiel (die gemeinsamen Inszenierungen) zwischen Professionellen und Klienten/Klientinnen im Vordergrund der Fallanalyse, die sie mittels der Tiefenhermeneutik, des "szenischen Verstehens" (Lorenzer), zu entschlüsseln sucht. Einen weiteren Schwerpunkten bilden Begleitforschungsprojekte, die jedoch zumeist auch mehr oder minder umfangreiche empirische Analysen beinhalten. In den genannten Projekten variiert der jeweilige Anteil an empirischer Forschung und Begleitung/Beratung.
Frau Professorin Berger hat in den letzten fünf Jahren zwei Bundesmodellprojekte - in einem Fall gemeinsam mit dem Deutschen Jugendinstitut in München - wissenschaftlich begleitet. In dem Modellprojekt "Orte für Kinder" (Modellstandort Villa Winzig in Neunkirchen) standen Fragen der Öffnung von Kindergärten und Kindertagesstätten, der Altersmischung und der Möglichkeit einer stärkeren Gemeinwesenorientierung dieser Einrichtungen im Vordergrund. In dem Modellprojekt "Mädchen und Jungenarbeit im Heimbereich - Modellstandort Margaretenstift" untersuchte die Autorin die Frage, ob und wie durch gezielte geschlechtsdifferenzierende Intervention Veränderungen des Selbstverständnisses/Selbstbewusstseins von Mädchen und Jungen bewirkt werden können. Die Ergebnisse des Projekts weisen auf spezifische förderliche und einschränkende Bedingungen hin (vgl. Berger 1996).
Mit seiner Studie "Laien als Experte", die er zusammen mit Müller-Kohlenberg und von Kardorff durchgeführt hat, knüpft Professor Kraimer zumindest thematisch an Projekte an, die in den 70er Jahren an der Hochschule durchgeführt worden sind. Die empirische Studie (vgl. Kraimer 1993) analysiert und evaluiert den "Treffpunkt Hilfsbereitschaft" in Berlin, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das soziale Engagement der Bürger zu fördern und zu begleiten. Über die Evaluation im engeren Sinne hinaus, werden die Motivation der Helfer, ihre Wünsche und Zielvorstellungen, ihr Zeitbudget und ihre Kompetenzen untersucht.
Professor Haupert hat im Auftrag des BDKJ eine umfangreiche quantitative und qualitative Studie zum "Freiwilligen Sozialen Dienst (FSD-Europa)" durchgeführt. Untersucht wurden - mittels narrativer Interviews - die biographischen Erfahrungen des Auslandsaufenthalts und der anschließenden Phasen nach der Rückkehr sowie - mittels standardisierter Befragung - der Zusammenhang zwischen Vorbereitung, Aufenthalt und Kulturschockerfahrungen. Die Studie gibt Aufschluss über die biographische Verarbeitung eines Auslandsaufenthalts und über die Verarbeitung von Kulturschockerfahrungen (vgl. Haupert 1996). Thematisch steht dieses Projekt in einem Zusammenhang mit anderen Projekten zu Fragen der Migration, der interkulturellen Kommunikation und der Flüchtlingsberatung (vgl. Haupert 1994, 1996)
Zu diesem Themenfeld gehört ein weiteres Projekt. Professor Filsinger hat 1996 die wissenschaftliche Begleitung des Modellprojekts "Mobile Jugendsozialarbeit für junge Menschen ausländischer Herkunft" (Standort: Völklingen; Träger Diakonisches Werk an der Saar) übernommen. Diese zielt vor allem auf eine Beratung bei der Konzeptentwicklung und die Begleitung des Entwicklungsprozesse (Prozessevaluation). Es sollen jedoch auch empirische Grundlagen in Gestalt von Lebensweltanalysen erarbeitet werden. Sowohl in diesem, als auch in dem folgenden Projekt sind Studierende in Form von Explorationen und Diplomarbeiten bzw. als Praktikantinnen/Praktikanten beteiligt.
In Kooperation mit dem Gemeinwesenprojekt "Kohlmühl" führt er ferner eine Lebenslagenuntersuchung durch, die konzeptionell und methodisch an die Caritasarmutsuntersuchung anknüpft, und die in der Tradition der Sozial- bzw. Armutsberichterstattung steht. Die quantitative Erhebung soll im weiteren Verlauf durch qualitative Erhebungen erweitert werden. Darüber hinaus soll - im Falle einer Förderung - die "Armutsarbeit" von Einrichtungen des Caritasverbandes empirisch analysiert werden.
Die Arbeiten von Professor Klatte sind im weitesten Sinne der Therapie- und Interventionsforschung zuzuordnen. Im Vordergrund der Forschung stand zunächst die Evaluation eines familientherapeutischen bzw. systemisch orientierten Fortbildungsmodells, das in Kooperation mit der Katholischen Hochschule in den achtziger Jahren durchgeführt wurde. In diesem Zusammenhang ging der Autor der Frage nach der Produktivität der strukturellen kartographischen Diagnostik und der relativ direktiven Gesprächsmoderation nach, die positiv beantwortet wurde. Hieran schlossen sich eine Vielzahl von Fortbildungsaktivitäten an. Diese befassten sich insbesondere mit dem System- und Konstruktivismus-Paradigma. Erarbeitet werden sollte, wie gestalttherapeutisch fundierte, erlebens-, ressourcen- und kreativitätsaktivierenden Fokalverfahren (Klatte 1983, 1985, 1991, 1996; Hamm, 1996; Seim 1996) zur Exploration und Lösung psychosozialer Problemkonstellationen genutzt werden können.
Die neueren Projekte - die in Zusammenarbeit mit der WERKSTATT - einem von Professor Klatte geleiteten Fortbildungs- und Forschungsinstitut - durchgeführt werden, stellen eine Kombination von Fortbildung Forschung und Supervision dar, die abzielen auf:
- die Entwicklung fokaler, kontextbezogener Intervention,
- Entwicklung explorativer, lösungsbezogener Forschungsverfahren (Lösungsforschung i.S. von Portele; vgl. Klatte 1991, 1996),
- die ressourcenorientierte Entwicklung sowie die supervisorische und wissenschaftliche Begleitung professioneller sozialer Tätigkeit: Coaching, Projekt- und Organisationsentwicklung.
Neben der praktischen Fortbildungsarbeit steht die grundwissenschaftlich selbstorganisationstheoretische - also die chaos-, ordnungs- und fluktuationstheoretische - Fundierung im Vordergrund. Untersucht wird die Produktivität von metakognitiv selbstreferentiellen Ansätzen sowie die Möglichkeit der Übersetzung narrations-, state-, ressourcen- und supporttheoretischen Überlegungen in intervenierendes Handeln (vgl. Klatte, Hamm, Kühne 1994).
Die Verknüpfung dieser Aktivitäten mit dem Studium erfolgte bisher insbesondere durch den Studienschwerpunkt "Familie" (gemeinsam mit Frau Professorin Zeitz-Degott), der sich vor allem mit Fragen der Familiendynamik, mit Beratungs- und Mediationsverfahren sowie mit der Familie im Netz von Helfersystemen und der Entwicklung familienorientierter Hilfen und Hilfsinstitutionen befasste.
Die weiteren Arbeiten von Professor Filsinger haben ihren Schwerpunkt stärker in der Analyse der Struktur und Dynamik von (psycho-) sozialen Diensten und lokalen Versorgungssystemen (vgl. Bergold u. Filsinger 1993). Im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts, das er im Rahmen des Berliner Forschungsverbunds PUBLIC HEALTH gemeinsam mit Bergold (Berlin) durchgeführt hat, wurde die Entwicklung psychiatrischer und psychosozialer Dienste mit Hilfe von Dokumentenanalysen und Experteninterviews rekonstruiert (Längsschnittstudie; Ost-West-Vergleich) und die Bedeutung von "ideellen Milieus" für professionelle Praxen und für die Vernetzung psychosozialer Dienste analysiert. Ein besonderes Augenmerk wurde dabei auf "intermediäre Gruppen und Institutionen" gerichtet (z.B. Psycho-soziale Arbeitsgemeinschaften). Methodologisch knüpfte das Projekt an die "grounded theory" an, wobei quantitative und qualitative Verfahren der Datenerhebung eingesetzt wurden (vgl. Bergold, Filsinger u. Mruck 1996).
Das Projekt "Leit- und Planstellen für Gesundheitsplanung und Gesundheitsförderung als intermediäre Institutionen" knüpft thematisch an das vorher genannte Projekt an. Neben der eher grundlagentheoretischen Frage nach der Struktur und den Leistungen intermediärer Institutionen - die vom Autor weiterverfolgt wird -, ging es in diesem Projekt bisher vorrangig um die Begleitung und Evaluation eines Transformationsprozesses in der bezirklichen Gesundheitsverwaltung.
In einem weiteren Projekt - das der Versorgungsforschung zugeordnet werden kann - wurden mit Hilfe von Gruppendiskussion mit Professionellen und mit Klientinnen die "Vor- und nachgeburtliche Versorgung von Mutter und Kind" analysiert und Empfehlungen für die Ausgestaltung der Versorgung in zwei Bezirken des Landes Brandenburg erarbeitet.
Ergänzend sind noch eine Reihe von Entwicklungsprojekten zu nennen, die in den letzten Jahren durchgeführt worden sind. So das Projekt zur Entwicklung eines "Computergestützten Informationssystems Soziale Arbeit" zur Erfassung von Selbsthilfegruppen, das von Professor Feth realisiert wurde.
Kennzeichnend für die Forschung an der Katholischen Hochschule ist, dass sowohl grundlagenorientierte Forschung, als auch Begleitforschung betrieben wird. Im Rahmen der Begleitforschungsprojekte ist recht erfolgreich der Versuch unternommen worden, Studierende in unterschiedlichen Formen (Explorationen, Praktika, Diplom-Arbeiten) zu beteiligen. Insofern ist die Forschung - nicht zuletzt über die Lehre - in das Studium eingebunden.
Über Begleitforschungsprojekte findet auch eine intensive Kooperation mit der professionellen Praxis statt, die in wachsendem Maße Forschung nachfragt. Diesem Bedarf wird künftig jedoch nur Rechnung getragen werden können, wenn auch Ressourcen u.a. von den Nachfragern (Eigenbeteiligung) bereitgestellt werden.
Qualifizierte Forschungsleistungen, die für die Weiterentwicklung der Wissenschaft der Sozialen Arbeit und für die Professionalisierung unabdingbar sind, setzen personelle und finanzielle Rahmenbedingungen voraus; deren Verbesserung ist dringend geboten.
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